Wissenschaftliche Daten belegen: Gezielte Prävention – von D-Mannose über Cranberry bis Vaginalöstrogen – kann die Rezidivrate deutlich senken
Wiederkehrende Harnwegsinfektionen (rUTI) gehören zu den häufigsten bakteriellen Infektionen – insbesondere bei Frauen. Die aktuelle Übersichtsarbeit von Schmiemann et al. (Dtsch Arztebl Int 2024; 121: 373–82) fasst die Evidenzlage zu Diagnostik, Therapie und Prävention systematisch zusammen .
Die Ergebnisse zeigen klar: Neben Antibiotika existieren wirksame nicht-antibiotische Strategien, die das Rückfallrisiko senken und gleichzeitig das Problem zunehmender Antibiotikaresistenzen adressieren.
Relevanz / Bedeutung
Harnwegsinfektionen betreffen jährlich rund 11 % aller Frauen über 16 Jahre . Etwa 3 % entwickeln rezidivierende Verläufe – definiert als mindestens drei Infektionen pro Jahr oder zwei innerhalb von sechs Monaten.
Rezidivierende Harnwegsinfektionen führen zu:
- erheblicher Einschränkung der Lebensqualität
- wiederholter Antibiotikatherapie
- steigender Resistenzentwicklung
- erhöhtem Risiko für Nebenwirkungen
Gerade deshalb gewinnt die gezielte Prävention mit gut untersuchten Nährstoffen und nicht-antibiotischen Maßnahmen zunehmend an Bedeutung.
Hintergrund: Warum entstehen wiederkehrende Harnwegsinfektionen?
In etwa 74 % der Fälle ist Escherichia coli (E. coli) der Hauptverursacher .
Die Bakterien stammen meist aus der Darmflora und haften an der Blasenschleimhaut. Entscheidend für wiederkehrende Infektionen sind:
- hormonelle Veränderungen (v. a. nach der Menopause)
- sexuelle Aktivität
- Diabetes mellitus
- anatomische oder funktionelle Besonderheiten
- Veränderungen der vaginalen Mikrobiota
Ein zentraler Mechanismus ist die Adhäsion von E. coli an Urothelzellen. Genau hier setzen mehrere nicht-antibiotische Präventionsstrategien an.
Problemstellung: Antibiotika sind wirksam – aber nicht ideal
Die Metaanalyse zeigt: Eine antibiotische Dauerprophylaxe senkt die Rezidivrate sehr deutlich (RR 0,15) .
Allerdings sind die Nachteile erheblich:
- gastrointestinale Nebenwirkungen
- Pilzinfektionen
- Förderung von Resistenzen
- eingeschränkte Langzeitanwendung
Deshalb rückt die Frage in den Fokus:
Welche evidenzbasierten Alternativen stehen zur Verfügung?
Vorhandene Evidenz: Welche Präventionsstrategien sind wissenschaftlich belegt?
1. Erhöhte Flüssigkeitszufuhr
Eine Meta-Analyse zeigt:
Erhöhte Trinkmenge senkt die Infektionsrate kurzfristig signifikant (OR 0,13) .
Mechanismus:
- Verdünnung der Keimlast
- häufigere Blasenentleerung
- geringere bakterielle Adhäsion
Eine einfache, sichere Basismaßnahme.
2. Cranberry-Extrakte – Hemmung der bakteriellen Anhaftung
Cranberry enthält Proanthocyanidine, die die Anheftung von E. coli an die Blasenschleimhaut reduzieren.
Die Cochrane-Analyse zeigt eine Reduktion der Rezidivrate um etwa 30 % (RR 0,70) .
Besonders relevant:
- gute Verträglichkeit
- keine Resistenzentwicklung
- langfristig anwendbar
Damit stellt standardisierter Cranberry-Extrakt eine wissenschaftlich gut gestützte Option zur Rezidivprophylaxe dar.
3. D-Mannose – gezielte Blockade der E.-coli-Adhäsion
D-Mannose ist ein Monosaccharid, das an Fimbrien von E. coli bindet und so die Anhaftung an Urothelzellen verhindert.
Die Evidenzlage ist heterogen:
- Frühere Analysen zeigten deutliche Risikoreduktionen (RR 0,24)
- Eine aktuelle RCT (2024) zeigte keinen signifikanten Effekt (RR 0,92)
Trotz widersprüchlicher Daten wird D-Mannose in Leitlinien weiterhin als „kann angeboten werden“-Option geführt.
Vorteile:
- sehr gute Verträglichkeit
- kein Resistenzrisiko
- physiologischer Wirkmechanismus
4. Vaginales Estriol bei postmenopausalen Frauen
Nach der Menopause sinkt der Östrogenspiegel, was:
- den vaginalen pH-Wert erhöht
- schützende Laktobazillen reduziert
- die Infektanfälligkeit steigert
Eine Meta-Analyse zeigt:
Lokale Estrogentherapie senkt die Rezidivrate signifikant (RR 0,42) .
Empfohlene Praxis:
0,5 mg Estriol vaginal 2–3× pro Woche.
Dies ist eine der wirksamsten nicht-antibiotischen Strategien für postmenopausale Frauen.
5. Immunstimulation (OM-89)
Orale Immunstimulanzien wie OM-89 können kurzfristig (bis 6 Monate) die Rezidivrate senken (OR 0,29) .
Langzeiteffekte sind jedoch weniger eindeutig.
Lokaler Kontext: Besondere Risikogruppen
- Postmenopausale Frauen (Östrogenmangel)
- Frauen mit Diabetes
- Ältere Menschen mit Inkontinenz
- Pflegeheimbewohner
Gerade in diesen Gruppen ist eine antibiotikasparende Prävention besonders wertvoll.
Studienziele der Übersichtsarbeit
Die Autoren verfolgten das Ziel:
- Diagnostikempfehlungen für rUTI zu definieren
- Antibiotische und nicht-antibiotische Prävention zu bewerten
- Evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für die Praxis abzuleiten
Fazit: Sinnvolle Prävention statt wiederholter Antibiotikatherapie
Die aktuelle Evidenz zeigt:
✔ Antibiotika sind wirksam, aber nicht ideal für die Langzeitprävention
✔ Cranberry-Extrakte senken die Rezidivrate signifikant
✔ Vaginales Estriol ist bei postmenopausalen Frauen hochwirksam
✔ D-Mannose bietet einen physiologisch plausiblen, gut verträglichen Ansatz
✔ Erhöhte Flüssigkeitszufuhr ist eine einfache Basismaßnahme
Praktische Implikation
Eine kombinierte Strategie aus:
- ausreichender Hydrierung
- standardisiertem Cranberry-Extrakt
- ggf. D-Mannose
- bei Bedarf lokaler Estrogentherapie
kann helfen, wiederkehrende Harnwegsinfektionen nachhaltig zu reduzieren – ohne die Risiken einer dauerhaften Antibiotikagabe.
Gerade im Kontext steigender Antibiotikaresistenzen gewinnen evidenzbasierte Nahrungsergänzungsmittel und gezielte Mikronährstoffstrategien zunehmend an Bedeutung.
Quelle:
Schmiemann G et al. The Diagnosis, Treatment, and Prevention of Recurrent Urinary Tract Infection. Dtsch Arztebl Int 2024;121:373–82