Somalia liegt nahe am Äquator, die Sonne scheint intensiv und nahezu das ganze Jahr. Eigentlich ideale Voraussetzungen für Vitamin D – könnte man meinen. Eine neue Untersuchung mit fast 3.000 Kindern und Jugendlichen aus Mogadischu zeigt jedoch: Zwischen Sonnenschein und Vitamin-D-Status liegt mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Vitamin D hat eine Besonderheit
Vitamin D nimmt unter den Vitaminen eine Sonderstellung ein: Unser Körper kann es selbst bilden.
Dafür benötigt die Haut UV-B-Strahlung aus dem Sonnenlicht. Trifft sie auf unbedeckte Haut, wird eine Reihe von Stoffwechselprozessen angestoßen, an deren Ende biologisch nutzbares Vitamin D entsteht.
Das erklärt auch, warum beim Thema Vitamin D so häufig zuerst über Sonne gesprochen wird.
Doch die Rechnung
viel Sonne = automatisch viel Vitamin D
ist offenbar zu einfach.
Eine aktuelle Studie aus Somalia liefert dafür ein interessantes Beispiel.
Was wurde untersucht?
Ein Forschungsteam wertete die Vitamin-D-Werte von 2.961 Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 18 Jahrenaus, die zwischen Januar 2020 und August 2025 ambulant an einem großen Krankenhaus in Mogadischu behandelt worden waren.
Bestimmt wurde 25-Hydroxyvitamin D – kurz 25(OH)D. Dieser Wert wird auch in der medizinischen Diagnostik verwendet, um die Vitamin-D-Versorgung zu beurteilen.
Anschließend verglichen die Forschenden die Werte nach:
- Alter
- Geschlecht
- Jahreszeit
Das Spannende daran: Mogadischu liegt nur rund zwei Breitengrade nördlich des Äquators. Ausgerechnet hier lässt sich also besonders gut beobachten, ob intensive Sonneneinstrahlung tatsächlich automatisch mit hohen Vitamin-D-Werten einhergeht.
Überraschend deutlich: Mit dem Alter sanken die Werte
Das auffälligste Ergebnis war der Unterschied zwischen den Altersgruppen.
Bei Säuglingen zwischen null und einem Jahr lagen die durchschnittlichen 25(OH)D-Werte bei 53,8 ng/ml. Ein Vitamin-D-Mangel nach den von den Forschenden verwendeten Grenzwerten kam in dieser Gruppe nicht vor.
Mit zunehmendem Alter gingen die Werte jedoch Schritt für Schritt zurück.
Bei den 12- bis 18-Jährigen betrug der Durchschnitt nur noch 27,4 ng/ml.
In dieser Altersgruppe lagen:
- 9,4 % im von der Studie definierten Mangelbereich unter 12 ng/ml
- weitere 23,7 % im Bereich zwischen 12 und 20 ng/ml
Damit befand sich etwa ein Drittel der untersuchten Jugendlichen unterhalb von 20 ng/ml.
Das ist bemerkenswert – gerade angesichts der geografischen Lage Somalias.
Auch Geschlecht und Jahreszeit spielten eine Rolle
Die Forschenden fanden noch zwei weitere interessante Muster.
Mädchen hatten durchgehend niedrigere Vitamin-D-Werte als Jungen. Dieser Unterschied zeigte sich über sämtliche untersuchten Altersgruppen und Jahreszeiten.
Und sogar direkt am Äquator spielte die Jahreszeit eine Rolle: Die niedrigsten durchschnittlichen Werte wurden zwischen Juli und September gemessen.
Die Studie beantwortet allerdings nicht, warum diese Unterschiede entstanden.
Denkbar wären beispielsweise Unterschiede bei Kleidung, Aufenthalt im Freien, Ernährung oder Lebensgewohnheiten. Solche Faktoren wurden in dieser retrospektiven Untersuchung jedoch nicht systematisch erhoben.
Deshalb gilt auch hier: Die Beobachtung ist gut belegt – die Erklärung dafür noch nicht.
Was Sonne mit Vitamin D zu tun hat – und was noch dazukommt
Genau hier liegt für uns die interessanteste Botschaft der Studie.
Für die körpereigene Vitamin-D-Produktion reicht es nicht, dass draußen grundsätzlich die Sonne scheint.
Entscheidend ist, wie viel geeignete UV-B-Strahlung tatsächlich die Haut erreicht.
Dabei spielen mehrere Faktoren zusammen:
Jahres- und Tageszeit
Der Sonnenstand bestimmt maßgeblich, wie viel UV-B-Strahlung die Erdoberfläche erreicht.
Geografische Lage
Je weiter man sich vom Äquator entfernt, desto stärker verändert sich die UV-B-Verfügbarkeit mit den Jahreszeiten.
Aufenthalt im Freien
Auch der sonnigste Tag hilft der Vitamin-D-Synthese wenig, wenn man ihn vollständig in Innenräumen verbringt.
Bedeckte Hautfläche
Für die körpereigene Produktion muss UV-B-Strahlung die Haut erreichen.
Hauttyp
Eine stärkere Pigmentierung reduziert die Geschwindigkeit der Vitamin-D-Bildung in der Haut.
Damit wird verständlich, warum die Zahl der Sonnenstunden allein nur wenig darüber verrät, wie der persönliche Vitamin-D-Status aussieht. Auch deutsche Fachinstitutionen nennen unter anderem Breitengrad, Jahres- und Tageszeit, Witterung, Kleidung, Aufenthaltsdauer und Hauttyp als Einflussfaktoren.
Und was bedeutet das für Deutschland?
Hier wird die Geschichte noch interessanter.
Somalia liegt fast am Äquator. Deutschland nicht.
Bei uns verändert sich die Stärke der UV-B-Strahlung im Jahresverlauf erheblich. Von etwa Oktober bis März reicht die Sonnenbestrahlung in Deutschland nach Angaben von BfR und DGE nicht aus, um über die Haut eine ausreichende Vitamin-D-Bildung sicherzustellen.
Das bedeutet aber nicht, dass der Körper im Oktober plötzlich ohne Vitamin D dasteht.
Vitamin D ist fettlöslich und kann unter anderem im Fett- und Muskelgewebe gespeichert werden. Die in den sonnenreicheren Monaten aufgebauten Speicher tragen deshalb auch zur Versorgung während des Winters bei.
Zwischen Frühjahr und Herbst kann die körpereigene Produktion wiederum einen großen Teil der Versorgung übernehmen.
Und dafür muss niemand stundenlang in der Sonne liegen: Für eine ausreichende Vitamin-D-Synthese können – abhängig von Hauttyp, Jahreszeit und UV-Intensität – bereits relativ kurze regelmäßige Aufenthalte mit teilweise unbedeckter Haut ausreichen. Sonnenbrand sollte dabei selbstverständlich vermieden werden.
Das Interessante an Vitamin D: Es ist sehr individuell
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis.
Zwei Menschen können am selben Ort leben, dasselbe Wetter erleben – und trotzdem unterschiedliche Vitamin-D-Werte haben.
Denn zwischen Sonne und Vitamin-D-Status liegen zahlreiche individuelle Faktoren.
Genau deshalb ist auch die Studie aus Somalia interessant: Sie zeigt nicht, dass Sonne für die Vitamin-D-Versorgung unwichtig wäre. Ganz im Gegenteil – die körpereigene Bildung über die Haut ist für die Versorgung besonders bedeutsam.
Sie zeigt vielmehr, dass Sonnenschein allein noch keine Aussage darüber erlaubt, wie gut ein einzelner Mensch tatsächlich versorgt ist.
Wann kann eine Bestimmung des Vitamin-D-Status sinnvoll sein?
Wenn der Vitamin-D-Status aus medizinischen Gründen beurteilt werden soll, wird dafür die 25(OH)D-Konzentration im Blut bestimmt.
Dieser Laborwert bildet sowohl das durch Sonnenlicht selbst gebildete als auch das über Ernährung beziehungsweise Supplemente aufgenommene Vitamin D ab.
Eine pauschale Botschaft nach dem Motto „Jeder sollte seinen Vitamin-D-Wert testen lassen“ lässt sich aus der neuen Studie jedoch nicht ableiten.
Ob eine Bestimmung oder Ergänzung sinnvoll ist, hängt von der individuellen Situation ab – beispielsweise von Alter, Lebensweise, Sonnenexposition und möglichen Risikofaktoren.
Wofür braucht unser Körper Vitamin D?
Unabhängig von der neuen Studie ist die Bedeutung einer ausreichenden Vitamin-D-Versorgung gut belegt.
Vitamin D trägt unter anderem bei zu:
- einer normalen Funktion des Immunsystems
- der Erhaltung normaler Knochen
- der Erhaltung normaler Zähne
- einer normalen Muskelfunktion
- einem normalen Calciumspiegel im Blut
Vitamin D ist also weit mehr als ein „Sonnenvitamin“.
Gleichzeitig gilt auch hier: Mehr ist nicht automatisch besser. Als fettlösliches Vitamin kann Vitamin D im Körper gespeichert werden. Sehr hohe und insbesondere dauerhaft überhöhte Zufuhren sollten deshalb vermieden werden.
Unser Fazit
Fast 3.000 Kinder und Jugendliche, intensive Sonne praktisch das ganze Jahr – und trotzdem deutliche Unterschiede beim Vitamin-D-Status.
Die neue Untersuchung aus Mogadischu liefert damit ein schönes Beispiel dafür, wie individuell die Vitamin-D-Versorgung sein kann.
Besonders interessant ist der deutliche Altersverlauf: Während die untersuchten Säuglinge im Durchschnitt hohe Vitamin-D-Werte aufwiesen, lagen die Werte bei Jugendlichen deutlich niedriger. Auch Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen sowie saisonale Schwankungen waren erkennbar.
Natürlich lässt sich eine Krankenhausauswertung aus Somalia nicht auf Deutschland übertragen. Und die Studie kann uns nicht sagen, wodurch die beobachteten Unterschiede verursacht wurden.
Was sie aber sehr anschaulich zeigt: Sonne ist die wichtigste natürliche Voraussetzung für unsere eigene Vitamin-D-Produktion – aber Sonnenschein allein garantiert noch keinen bestimmten Vitamin-D-Status.
Gerade hierzulande lohnt sich deshalb ein differenzierter Blick: Im Sommer können wir unsere körpereigene Vitamin-D-Produktion nutzen und Speicher aufbauen. Im Winter müssen wir mit diesen Reserven haushalten.
Vitamin D ist damit ein schönes Beispiel dafür, dass Ernährung, Lebensstil, Umwelt und unser eigener Stoffwechsel oft enger zusammenspielen, als eine einfache Faustregel vermuten lässt.
Quelle
Özcan ME, Abdi AN, Gahnug M.
Hidden vitamin D insufficiency in a sun-rich equatorial country: age-, sex-, and season-specific evidence from 2961 Somali children.
Journal of Tropical Pediatrics. 2026;72(5):fmag053.
DOI: 10.1093/tropej/fmag053
Die Arbeit wurde am 20. August 2026 online veröffentlicht; Heft 72(5) ist dem Oktober 2026 zugeordnet. Die Zahlen aus eurem Entwurf stimmen mit dem Abstract der Originalpublikation überein.
















































































































