Kreatin kennen die meisten aus dem Sport. Doch der Stoff spielt nicht nur im Muskel eine Rolle: Auch unser Gehirn nutzt das Kreatin-Kreatinphosphat-System, um schnell Energie bereitzustellen. Eine im April 2026 veröffentlichte Studie liefert nun interessante neue Hinweise darauf, welche Rolle Kreatin für die geistige Leistungsfähigkeit bei starkem Schlafmangel spielen könnte.
Kreatin: Nicht nur für die Muskeln interessant
Kreatin gehört zu den bekanntesten und am besten untersuchten Nahrungsergänzungsmitteln im Sportbereich. Es kommt natürlicherweise vor allem in Fleisch und Fisch vor und wird zusätzlich vom menschlichen Körper selbst gebildet.
Seine zentrale Aufgabe hängt mit der Energieversorgung unserer Zellen zusammen.
Vereinfacht gesagt hilft Kreatin dabei, verbrauchtes ATP – die unmittelbare Energiewährung der Zelle – schnell wieder bereitzustellen. Besonders bekannt ist dieser Mechanismus aus der Muskulatur, etwa bei kurzen und intensiven Belastungen.
Doch auch das Gehirn benötigt kontinuierlich große Mengen Energie. Entsprechend findet sich das Kreatin-Kreatinphosphat-System auch dort.
Das macht Kreatin seit einigen Jahren für einen weiteren Forschungsbereich interessant: die geistige Leistungsfähigkeit.
Eine besonders spannende Frage lautet dabei: Kann zusätzliches Kreatin helfen, wenn das Gehirn energetisch außergewöhnlich stark gefordert wird?
Genau das wurde nun unter Schlafentzug untersucht.
Die Studie im Überblick
Eine deutsche Forschungsgruppe um Ali Gordji-Nejad untersuchte 29 gesunde Erwachsene in einem randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Crossover-Design.
Das bedeutet: Jede Person nahm an beiden Versuchsbedingungen teil – einmal mit Kreatin und einmal mit Placebo. Die Reihenfolge wurde zufällig bestimmt.
Die Teilnehmenden blieben insgesamt rund 21 Stunden wach.
Am Abend erhielten sie entweder:
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0,2 Gramm Kreatinmonohydrat pro Kilogramm Körpergewicht
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oder ein Placebo.
Anschließend wurde ihre geistige Leistungsfähigkeit mehrfach im Laufe der Nacht getestet.
Zu den Aufgaben gehörten unter anderem:
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logisches Denken
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Rechenaufgaben
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sprachliche Verarbeitungsgeschwindigkeit
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Kurzzeitgedächtnis
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Reaktionsgeschwindigkeit und Aufmerksamkeit
Damit wollten die Forschenden herausfinden, ob Kreatin den typischen Leistungsabfall während zunehmenden Schlafentzugs beeinflussen kann.
Das Ergebnis: Der Leistungsabfall fiel mit Kreatin geringer aus
Und genau hier wird die Studie interessant.
Unter Schlafentzug nahm die geistige Leistungsfähigkeit erwartungsgemäß ab. Nach der Einnahme von Kreatin fiel dieser Rückgang in mehreren Testbereichen jedoch geringer aus als unter Placebo.
Unterschiede zeigten sich insbesondere bei:
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logischen Aufgaben
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numerischen beziehungsweise mathematischen Aufgaben
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der Verarbeitungsgeschwindigkeit bei sprachlichen Aufgaben
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dem Psychomotor Vigilance Test, einem etablierten Test für Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit
Die Autoren berichten je nach Test von Verbesserungen von bis zu 12 Prozent gegenüber der Placebo-Bedingung.
Das bedeutet nicht, dass Kreatin aus übermüdeten Menschen plötzlich ausgeschlafene Höchstleister machte.
Interessant ist vielmehr etwas anderes: Unter einer außergewöhnlichen energetischen Belastung des Gehirns konnte Kreatin offenbar einen Teil des durch Schlafentzug verursachten Leistungsabfalls abfedern.
Warum das biologisch plausibel ist
Genau dieser Punkt macht die Studie aus unserer Sicht besonders spannend.
Unser Gehirn verfügt nur über begrenzte Möglichkeiten, Energie kurzfristig zu speichern. Gleichzeitig benötigt es selbst in Ruhe kontinuierlich viel Energie.
Das Kreatin-Kreatinphosphat-System fungiert dabei vereinfacht gesagt als eine Art schnell verfügbarer Energiepuffer.
Die Idee hinter den Untersuchungen lautet deshalb: Wenn langes Wachbleiben den Energiehaushalt der Nervenzellen zunehmend beansprucht, könnte eine höhere Verfügbarkeit von Kreatin dabei helfen, ATP schneller zu regenerieren.
Die aktuelle Untersuchung steht dabei nicht völlig allein.
Dieselbe Forschungsgruppe hatte zuvor bereits mit einer höheren Kreatindosis von 0,35 g pro Kilogramm Körpergewicht Veränderungen des Gehirnstoffwechsels während Schlafentzug untersucht und dabei ebenfalls Hinweise auf eine geringere Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit gefunden.
In der neuen Studie wollten die Forschenden wissen, ob sich auch mit einer niedrigeren Dosis Effekte beobachten lassen.
Das war der Fall – wenn auch schwächer als bei der zuvor getesteten höheren Menge.
Interessanter Hinweis: Unterschiede zwischen Frauen und Männern
Ein weiteres Ergebnis fiel den Forschenden auf:
Frauen profitierten in mehreren untersuchten Aufgaben stärker von der Kreatin-Bedingung als Männer – unter anderem bei Logik, Reaktionsfähigkeit und bestimmten Verarbeitungsgeschwindigkeiten.
Das ist wissenschaftlich interessant, sollte bei nur 29 Teilnehmenden allerdings zunächst als Hinweis für weitere Forschung verstanden werden.
Ob hier tatsächlich ein relevanter Unterschied zwischen Männern und Frauen besteht und wodurch er zustande kommen könnte, müssen größere Untersuchungen klären.
Eine ungewöhnlich hohe Einzeldosis
Bei der verwendeten Menge lohnt sich ein genauer Blick.
0,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht entsprechen bei einem 70 Kilogramm schweren Menschen etwa 14 Gramm Kreatin auf einmal.
Das liegt deutlich über den Mengen, die üblicherweise bei einer normalen täglichen Kreatinsupplementierung verwendet werden.
Die hohe Einzeldosis hatte einen konkreten wissenschaftlichen Hintergrund: Die Forschenden wollten für den begrenzten Zeitraum des Schlafentzugs eine möglichst hohe Kreatinverfügbarkeit erreichen.
Die Studie sollte daher nicht als Dosierungsempfehlung für den Alltag verstanden werden.
Vielmehr handelt es sich um ein experimentelles Modell, mit dem ein möglicher Zusammenhang zwischen Kreatinversorgung, Gehirnenergie und kognitiver Leistungsfähigkeit untersucht wurde.
Was macht die Studie besonders interessant?
Die Untersuchung liefert aus unserer Sicht vor allem aus drei Gründen spannende neue Erkenntnisse.
Erstens: Sie erweitert den Blick auf Kreatin über den klassischen Sportbereich hinaus.
Kreatin spielt auch im Energiestoffwechsel des Gehirns eine Rolle – und genau dieser Bereich wird zunehmend wissenschaftlich untersucht.
Zweitens: Das Studiendesign ist vergleichsweise aussagekräftig.
Durch das Crossover-Design erhielt jede Person sowohl Kreatin als auch Placebo. Dadurch lassen sich individuelle Unterschiede zwischen den Teilnehmenden besser kontrollieren.
Drittens: Die Ergebnisse passen zu einem biologisch nachvollziehbaren Mechanismus.
Gerade unter Bedingungen, in denen der Energiebedarf hoch ist beziehungsweise die normale Energieversorgung unter Druck gerät, könnte die Kreatinverfügbarkeit besonders relevant werden.
Das macht Schlafentzug zu einem interessanten Forschungsmodell.
Was wir aus der Studie noch nicht ableiten können
So spannend die Ergebnisse sind: Es handelt sich um eine kleine Studie mit 29 gesunden Erwachsenen und einer sehr speziellen Belastungssituation.
Eine durchgemachte Nacht im Labor ist nicht dasselbe wie alltägliche Müdigkeit, Schichtarbeit oder dauerhaft etwas zu kurzer Schlaf.
Außerdem wurde eine einzelne, vergleichsweise hohe Kreatindosis untersucht. Daraus lässt sich nicht ableiten, welchen Einfluss eine normale tägliche Supplementierung auf die geistige Leistungsfähigkeit im Alltag hätte.
Auch die beobachteten Unterschiede zwischen Frauen und Männern müssen in größeren Studien bestätigt werden.
Das sind jedoch weniger Gegenargumente gegen die Ergebnisse als vielmehr die nächsten spannenden Fragen für die Forschung.
Kreatin und kognitive Leistung: Ein Forschungsfeld, das wächst
Für die körperliche Leistungsfähigkeit ist Kreatin bereits umfangreich untersucht. In der EU existiert unter definierten Voraussetzungen auch eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe zur Steigerung der körperlichen Leistung bei schnell aufeinanderfolgenden kurzen, hochintensiven Belastungen.
Für Aussagen zur geistigen Leistungsfähigkeit gibt es dagegen keine entsprechende zugelassene Health-Claim-Angabe.
Die hier beschriebenen Ergebnisse sind deshalb als das zu verstehen, was sie sind: aktuelle wissenschaftliche Forschung zu einer möglichen weiteren Rolle von Kreatin im menschlichen Energiestoffwechsel.
Und genau das macht sie interessant.
Unser Fazit
Kreatin ist längst nicht mehr ausschließlich ein Thema für Kraftsportler.
Dass das Kreatin-Kreatinphosphat-System auch für die Energieversorgung des Gehirns wichtig ist, macht den Stoff für die Forschung zur geistigen Leistungsfähigkeit zunehmend interessant.
Die neue Studie liefert dafür ein bemerkenswertes Ergebnis: Bei 29 gesunden Erwachsenen war eine einmalige Kreatingabe während starken Schlafentzugs mit einem geringeren Leistungsabfall in mehreren kognitiven Tests verbunden. Die beobachteten Unterschiede erreichten je nach Test bis zu 12 Prozent.
Die Studie ist klein und untersucht eine bewusst extreme Situation. Sie beantwortet deshalb noch nicht die Frage, welche Bedeutung Kreatin für die geistige Leistungsfähigkeit im normalen Alltag hat.
Aber sie liefert ein weiteres interessantes Puzzlestück für ein Forschungsfeld, das sich gerade deutlich erweitert:
Kreatin versorgt nicht nur Muskeln mit schnell verfügbarer Energie. Auch für das Gehirn könnte seine Rolle interessanter sein, als lange angenommen wurde.
Quelle
Gordji-Nejad A, Matusch A, Hengstler L, Beer S, Kroll T, Klein S, Elmenhorst D, Bauer A, Drzezga A.
Single-Dose Creatine Reduces Sleep Deprivation-Induced Deterioration in Cognitive Performance.
Nutrients. 2026;18(8):1192.
DOI: 10.3390/nu18081192
















































































































