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NAD+ und Fettleber (NAFLD): Was Studien über Nicotinamid-Ribosid und NMN wirklich zeigen

Felix Henrichs
NAD+ und Fettleber (NAFLD): Was Studien über Nicotinamid-Ribosid und NMN wirklich zeigen
Inhalt

    Neue Erkenntnisse zu NAD+: Vielversprechende Ergebnisse aus Tierstudien – beim Menschen bisher nur begrenzte Evidenz

    NAD+ (Nicotinamidadenindinukleotid) spielt eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel der Zellen. In den vergangenen Jahren wurde untersucht, ob eine Erhöhung der NAD+-Spiegel durch Vorstufen wie Nicotinamid-Ribosid (NR) oder Nicotinamid-Mononukleotid (NMN) eine nichtalkoholische Fettleber (NAFLD) verbessern kann.

    Warum ist das Thema wichtig?

    Die nichtalkoholische Fettleber (NAFLD) zählt mittlerweile zu den häufigsten Stoffwechselerkrankungen weltweit. Häufig bleibt sie lange unbemerkt, kann jedoch im Verlauf zu Entzündungen, Leberfibrose und schweren Leberschäden führen.

    Da bislang nur wenige medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten verfügbar sind, rücken neue Stoffwechselansätze zunehmend in den Fokus der Forschung. Einer davon ist die Erhöhung der körpereigenen NAD+-Spiegel.


    Hintergrund

    NAD+ (Nicotinamidadenindinukleotid) ist ein lebenswichtiges Coenzym, das nahezu jede Körperzelle für die Energiegewinnung benötigt.

    Darüber hinaus aktiviert NAD+ verschiedene Enzyme – insbesondere die sogenannten Sirtuine –, die unter anderem an folgenden Prozessen beteiligt sind:

    • Energieproduktion
    • Funktion der Mitochondrien
    • Reparatur von DNA-Schäden
    • Regulation des Fettstoffwechsels
    • antioxidativer Zellschutz

    Zur Erhöhung des NAD+-Spiegels werden insbesondere folgende Vorstufen untersucht:

    • Nicotinamid-Ribosid (NR)
    • Nicotinamid-Mononukleotid (NMN)

    Beide sind als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich und erhöhen nach oraler Einnahme nachweislich verschiedene NAD+-Metaboliten im Körper.

     


    Ziel der Übersichtsarbeit

    Die Autoren wollten den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammenfassen und beantworten:

    • Kann eine Erhöhung des NAD+-Spiegels eine Fettleber verhindern oder verbessern?
    • Welche biologischen Mechanismen könnten dafür verantwortlich sein?
    • Stimmen Ergebnisse aus Tierexperimenten mit den bisherigen Humanstudien überein?


    Studiendesign

    Merkmal Beschreibung
    Studientyp Wissenschaftlicher Übersichtsartikel (Review)
    Grundlage Tierstudien, Zellstudien und klinische Studien
    Untersuchte Substanzen Nicotinamid-Ribosid (NR), NMN sowie weitere NAD+-Vorstufen
    Schwerpunkt NAD+-Stoffwechsel und nichtalkoholische Fettleber (NAFLD)
    Primäre Endpunkte Leberfett, Fibrose, NAD+-Spiegel, Mitochondrienfunktion, Insulinsensitivität

    Ergebnisse der Übersichtsarbeit

    Tierstudien zeigen überwiegend positive Effekte

    In zahlreichen Mausstudien führte eine Supplementierung mit Nicotinamid-Ribosid oder NMN zu:

    • erhöhten NAD+-Spiegeln in der Leber
    • geringerer Fettansammlung in der Leber
    • verbesserter mitochondrialer Funktion
    • reduziertem oxidativen Stress
    • teilweise geringerer Fibrose
    • verbesserter Insulinsensitivität

    Mehrere Arbeiten berichteten außerdem über eine verlangsamte Entwicklung einer einfachen Fettleber hin zu einer entzündlichen NASH.


    Mögliche biologische Mechanismen

    Die Autoren erkennen mehrere Erklärungsansätze:

    Aktivierung der Sirtuine

    Sirtuine regulieren den Fettstoffwechsel und unterstützen die Funktion der Mitochondrien.

    Ein höheres NAD+-Angebot könnte deren Aktivität verbessern.

    Verbesserte Energieproduktion

    Eine bessere Funktion der Mitochondrien könnte den Fettabbau in Leberzellen fördern.

    Weniger oxidativer Stress

    NAD+ dient außerdem als Vorstufe für NADPH, das für antioxidative Schutzsysteme wichtig ist.

    Geringere Aktivierung von Sternzellen

    Einige Tierstudien zeigen Hinweise darauf, dass NAD+-Vorstufen die Aktivierung hepatischer Sternzellen abschwächen könnten. Diese Zellen spielen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung einer Leberfibrose. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass dieser Mechanismus bislang überwiegend präklinisch untersucht wurde.

    Die Autoren bewerten die bisher veröffentlichten klinischen Human-Studien deutlich zurückhaltender.

    Zwar konnte Nicotinamid-Ribosid zuverlässig:

    • verschiedene NAD+-Metaboliten im Blut erhöhen
    • gut vertragen werden
    • keine schwerwiegenden Nebenwirkungen verursachen

    Für klinisch relevante Verbesserungen einer Fettleber fanden sich jedoch bislang nur geringe Effekte.

    Einzelne Studien beobachteten eine Tendenz zu weniger Leberfett, während andere keine Veränderung der intrahepatischen Fettmenge oder der Insulinsensitivität feststellten.



    Warum unterscheiden sich Tier- und Humanstudien?

    Die Autoren nennen mehrere mögliche Gründe:

    • unterschiedliche Dosierungen
    • kürzere Studiendauer beim Menschen
    • Unterschiede zwischen Maus und Mensch im NAD+-Stoffwechsel
    • unterschiedliche Schweregrade der Erkrankung
    • Einfluss des Darmmikrobioms
    • unterschiedliche Ausgangswerte der NAD+-Spiegel

    Deshalb sei derzeit unklar, welche Patientengruppen tatsächlich von einer NAD+-Supplementierung profitieren könnten.



    Bedeutung für die Praxis

    Die derzeitige Evidenz spricht dafür, dass NAD+-Vorstufen wie Nicotinamid-Ribosid oder NMN interessante Forschungsansätze darstellen.

    Besonders überzeugend sind bislang jedoch vor allem Tierstudien.

    Für Menschen gibt es derzeit noch keine ausreichenden Belege, dass eine Supplementierung eine Fettleber zuverlässig verbessert oder rückgängig macht.

    Die Autoren empfehlen daher weitere hochwertige klinische Studien, bevor eine therapeutische Empfehlung ausgesprochen werden kann.



    Fazit

    Die Forschung zu NAD+ und der Fettleber entwickelt sich dynamisch.

    Tierstudien zeigen vielfach Verbesserungen von Leberfett, mitochondrialer Funktion und Fibrose nach einer Supplementierung mit Nicotinamid-Ribosid oder NMN.

    Die bisherigen Humanstudien bestätigen diese Ergebnisse jedoch nur eingeschränkt bei der Behandlung einer Fettleber (davon unberührt bleibt die physiologische Bedeutung von NADH als lebensnotwendigem Coenzym im Körper). Die Autoren sehen das Potenzial, betonen aber ausdrücklich, dass weitere klinische Forschung notwendig ist.



    FAQ

    Was ist NAD+?

    NAD+ ist ein körpereigenes Coenzym, das für die Energieproduktion sowie zahlreiche Stoffwechselprozesse benötigt wird.

    Können Nicotinamid-Ribosid oder NMN eine Fettleber heilen?

    Nach aktuellem Forschungsstand gibt es dafür keine ausreichenden klinischen Belege. Positive Ergebnisse stammen überwiegend aus Tierstudien.

    Sind NR und NMN sicher?

    Die in der Übersichtsarbeit beschriebenen Humanstudien berichten überwiegend über eine gute Verträglichkeit ohne schwerwiegende Nebenwirkungen.

    Warum funktionieren Tierstudien oft besser als Humanstudien?

    Zwischen Tiermodellen und Menschen bestehen Unterschiede im Stoffwechsel, in der Dosierung, der Studiendauer und möglicherweise auch im Darmmikrobiom.

    Sind weitere Studien geplant?

    Ja. Laut den Autoren laufen zahlreiche klinische Studien, um den Nutzen von NAD+-Vorstufen bei Stoffwechselerkrankungen und Lebererkrankungen weiter zu untersuchen.

     

    Studienquelle

    Dall M, Hassing AS, Treebak JT.

    NAD+ and NAFLD – caution, causality and careful optimism.

    The Journal of Physiology.

    2022;600(5):1135–1154.

    DOI: 10.1113/JP280908