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Mitochondriale Dysfunktion bei Lebererkrankungen: Neue Erkenntnisse aus der Forschung

Felix Henrichs
Mitochondriale Dysfunktion bei Lebererkrankungen: Neue Erkenntnisse aus der Forschung
Inhalt

    Was zeigt die aktuelle Studienlage?

    Ein wissenschaftlicher Übersichtsartikel aus dem Jahr 2021 zeigt, dass geschädigte Mitochondrien eine zentrale Rolle bei verschiedenen chronischen Lebererkrankungen spielen. Dazu zählen die alkoholbedingte Lebererkrankung (ALD), die nichtalkoholische Fettleber (NAFLD/NASH), die chronische Hepatitis B sowie Leberkrebs (hepatozelluläres Karzinom). Der Review fasst zahlreiche Zell-, Tier- und Humanstudien zusammen und beschreibt gemeinsame Mechanismen wie erhöhten oxidativen Stress, eine gestörte Energieproduktion und Veränderungen der mitochondrialen Funktion. Gleichzeitig werden neue mitochondriengerichtete Therapieansätze diskutiert.

     

    Warum ist das Thema wichtig?

    Die Leber gehört zu den stoffwechselaktivsten Organen des Körpers. Sie verarbeitet Nährstoffe, entgiftet Schadstoffe und produziert lebenswichtige Eiweiße. Für all diese Aufgaben benötigt sie große Mengen an Energie.

    Diese Energie wird überwiegend in den Mitochondrien erzeugt – den sogenannten „Kraftwerken der Zelle“. Werden diese geschädigt, kann dies die Funktion der Leber erheblich beeinträchtigen.

    In den vergangenen Jahren hat sich deshalb die Forschung zunehmend mit der Frage beschäftigt, welchen Einfluss mitochondriale Schäden auf chronische Lebererkrankungen haben und ob sich daraus neue Therapieansätze ableiten lassen.


    Hintergrund

    Mitochondrien produzieren den größten Teil des zellulären ATP (Adenosintriphosphat), das als universeller Energieträger dient.

    Darüber hinaus übernehmen sie zahlreiche weitere Aufgaben:

    • Regulation des Energiestoffwechsels
    • Steuerung des Zellstoffwechsels
    • Speicherung von Calcium
    • Kontrolle des programmierten Zelltods (Apoptose)
    • Beteiligung an Immunreaktionen
    • Bildung geringer Mengen reaktiver Sauerstoffspezies (ROS), die unter normalen Bedingungen wichtige Signalstoffe darstellen

    Kommt es jedoch zu einer Überproduktion dieser Sauerstoffradikale, entsteht oxidativer Stress. Dieser kann mitochondriale DNA, Zellmembranen und Proteine schädigen und so die Funktion der Mitochondrien weiter verschlechtern.


    Ziel des Reviews

    Ziel des wissenschaftlichen Reviews war es,

    • den aktuellen Forschungsstand zur mitochondrialen Dysfunktion bei wichtigen chronischen Lebererkrankungen zusammenzufassen,
    • gemeinsame krankheitsübergreifende Mechanismen zu identifizieren,
    • sowie potenzielle mitochondriengerichtete Therapieansätze zu bewerten.

    Da es sich um einen Review handelt, wurden keine neuen Experimente durchgeführt. Stattdessen wurden zahlreiche bereits veröffentlichte Zell-, Tier- und Humanstudien ausgewertet.


    Studiendesign

    Merkmal Beschreibung
    Studientyp Wissenschaftlicher Review
    Untersuchte Erkrankungen Alkoholbedingte Lebererkrankung, NAFLD/NASH, Hepatitis B, Leberkrebs
    Grundlage Zellstudien, Tierstudien und Humanstudien
    Intervention Keine eigene Intervention
    Primärer Fokus Rolle der Mitochondrien und mögliche therapeutische Ansätze

    Ergebnisse der Studie

    Gemeinsame Veränderungen der Mitochondrien

    Obwohl sich die einzelnen Lebererkrankungen stark unterscheiden, fanden die Autoren mehrere gemeinsame Veränderungen:

    • erhöhte Bildung reaktiver Sauerstoffspezies (ROS)
    • gestörte mitochondriale Atmungskette
    • verminderte ATP-Produktion
    • Schäden an der mitochondrialen DNA
    • Veränderungen der mitochondrialen Dynamik (Fusion und Teilung)
    • gestörte Entfernung geschädigter Mitochondrien (Mitophagie)

    Diese Veränderungen wurden in zahlreichen experimentellen Modellen und teilweise auch in Untersuchungen menschlichen Lebergewebes beschrieben.


    Alkoholbedingte Lebererkrankung (ALD)

    Der Review beschreibt, dass Alkohol den Energiestoffwechsel der Mitochondrien erheblich verändert.

    Studien zeigen unter anderem:

    • erhöhte ROS-Produktion
    • verminderte ATP-Bildung
    • Schäden an der mitochondrialen DNA
    • reduzierte Aktivität mehrerer Enzyme der Atmungskette
    • gestörte Mitophagie

    Diese Veränderungen wurden überwiegend in Tiermodellen und Zellstudien beobachtet. Auch Untersuchungen menschlicher Lebergewebe lieferten Hinweise auf mitochondriale Schäden.


    Nichtalkoholische Fettleber (NAFLD/NASH)

    Bei der Fettleber scheint zunächst die erhöhte Fettverbrennung in den Mitochondrien zuzunehmen.

    Mit Fortschreiten der Erkrankung wurden jedoch beschrieben:

    • zunehmender oxidativer Stress
    • Schäden an der mitochondrialen DNA
    • verminderte Aktivität der Atmungskette
    • sinkende ATP-Produktion
    • strukturelle Veränderungen der Mitochondrien
    • eingeschränkte Mitophagie

    Die Autoren weisen darauf hin, dass diese Prozesse wahrscheinlich zur Entwicklung einer einfachen Fettleber hin zu einer entzündlichen Fettleber (NASH) beitragen.


    Chronische Hepatitis B

    Mehrere Zellstudien zeigen, dass das virale HBx-Protein direkt mit Mitochondrien interagieren kann.

    Dabei wurden unter anderem beobachtet:

    • erhöhte ROS-Bildung
    • verminderte ATP-Produktion
    • Veränderungen der Calcium-Regulation
    • gestörte Immunantworten
    • Veränderungen der mitochondrialen Struktur

    Die Autoren betonen, dass viele dieser Erkenntnisse bislang überwiegend aus Zellmodellen stammen und weitere Forschung notwendig ist.


    Hepatozelluläres Karzinom (Leberkrebs)

    Auch bei Leberkrebs fanden sich deutliche Veränderungen der Mitochondrien.

    Beschrieben werden unter anderem:

    • reduzierte Aktivität der Atmungskette
    • veränderte mitochondriale Dynamik
    • erhöhte ROS-Produktion
    • Veränderungen der Calcium-Regulation
    • verstärkte Mitophagie

    Diese Veränderungen könnten nach Einschätzung der Autoren das Überleben und die Ausbreitung von Tumorzellen begünstigen. Die zugrunde liegenden Erkenntnisse stammen überwiegend aus Zellkultur-, Tierstudien und Untersuchungen von Tumorgewebe.


    Mögliche therapeutische Ansätze

    Der Review diskutiert verschiedene experimentelle Strategien, die gezielt die Mitochondrien unterstützen sollen.

    Dazu gehören unter anderem:

    • mitochondriengerichtete Antioxidantien (z. B. Q10)
    • Melatonin (vor allem in Tier- und Zellstudien)
    • experimentelle Peptide
    • weitere mitochondriengerichtete Wirkstoffe

    Wichtig ist jedoch:

    Für viele dieser Ansätze liegen bislang überwiegend präklinische Daten aus Zell- und Tierstudien vor. Nach Aussage der Autoren fehlen für die meisten mitochondriengerichteten Therapien noch aussagekräftige klinische Studien am Menschen.


    Bedeutung für die Praxis

    Der Review macht deutlich, dass Mitochondrien weit mehr sind als reine Energieproduzenten. Sie beeinflussen zahlreiche Prozesse, die für die Gesundheit der Leber entscheidend sind.

    Die Ergebnisse unterstreichen die wissenschaftliche Bedeutung der Mitochondrien als ein Ziel zukünftiger Behandlungsstrategien.


    Fazit

    Die Übersichtsarbeit zeigt, dass mitochondriale Dysfunktion ein gemeinsames Merkmal vieler chronischer Lebererkrankungen ist. Erhöhter oxidativer Stress, eine gestörte Energieproduktion und Veränderungen der mitochondrialen Struktur werden in zahlreichen Zell-, Tier- und Humanstudien beschrieben.

    Obwohl erste experimentelle Therapieansätze vielversprechend erscheinen, fehlen derzeit für die meisten mitochondriengerichteten Strategien belastbare klinische Studien. Der Review liefert daher vor allem eine fundierte Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstands und zeigt wichtige Ansatzpunkte für zukünftige Forschung auf.


    FAQ

    Was sind Mitochondrien?

    Mitochondrien sind Bestandteile der Zellen, die den Großteil der benötigten Energie in Form von ATP bereitstellen. Außerdem sind sie an vielen Stoffwechsel- und Immunprozessen beteiligt.

    Welche Lebererkrankungen wurden im Review untersucht?

    Der Review behandelt die alkoholbedingte Lebererkrankung (ALD/ARLD), die nichtalkoholische Fettleber (NAFLD/NASH), chronische Hepatitis B und das hepatozelluläre Karzinom.

    Welche Rolle spielt oxidativer Stress?

    Ein Überschuss an reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) kann Mitochondrien schädigen. Dieser oxidative Stress wird im Review als wichtiger Mechanismus bei verschiedenen Lebererkrankungen beschrieben.

     

    Studienquelle

    Middleton P, Vergis N. Mitochondrial dysfunction and liver disease: role, relevance, and potential for therapeutic modulation. Therapeutic Advances in Gastroenterology. 2021;14:1–19. DOI: 10.1177/17562848211031394.